2. Gewaltfreie Blockade der Rhein-Main Airbase am 30. Mai 1999
Bericht von Regina Hagen, Darmstädter Friedensforum
»Tankflugzeuge fliegen "stündlich bis zu acht Starts und
Landungen" (heute-journal, 21.5.99) von der US-Airbase am Frankfurter
Flughafen. Sie versorgen die NATO-Kampfflugzeuge, die an der Bombardierung
Jugoslawiens beteiligt sind, mit Treibstoff. ...
Die BRD hat den Grundkonsens, daß nach dem II. Weltkrieg von deutschen
Boden nie wieder Krieg geführt werden darf, abgelegt und führt einen
Angriffskrieg gegen Jugoslawien. Gemäß den
"Verteidigungspolitischen Richtlinien" der Bundeswehr von 1992 soll
der freie "Zugang zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt"
gesichert werden. In ihrer neuen Strategie vom 24.4.1999 nehmen sich die
NATO-Staaten das Recht, militärisch angreifen zu können, wo es ihre
"Stabilitätsinteressen" erfordern. Die NATO hat seit dem 23.
März Tausende Menschen durch ihren Bombenterror ermordet, und Jugoslawien
samt Kosovo strukturell zerstört. Die Opfer des NATO-Angriffskrieges und
der jugoslawischen Armee haben kein prinzipielles Recht auf Asyl in der BRD und
der EU.«
So begründeten die DFG/VK und die Totalverweigerer-Initiative Frankfurt
am Main den Aufruf zur 2. Gewaltfreien Blockade der US-amerikanischen
Rhein-Main-Airbase am Sonntag, den 30. Mai 1999.
An der ersten, privat organisierten Aktion hatten etwa ein Dutzend
gewaltfreie BlockiererInnen teilgenommen, die von der Polizei festgenommen und
etwa zwei Stunden im Gefängnis in der Klapperfeldstraße/Frankfurt am
Main festgehalten wurden.
Gut 30 BlockiererInnen folgten dem Aufruf zur zweiten Blockade,
unterstützt von etwa 30 weiteren FriedensaktivistInnen, die an der
Blockade selbst aber nicht teilnahmen. Den BlockiererInnen gelang es, etwa eine
Stunde lang sowohl die Ausfahrt als auch die Einfahrt der US Air Base
vollständig zu sperren. Im Verlauf der Sitzblockade verlasen die
TeilnehmerInnen im Chor den Aufruf "Verweigert und/oder desertiert",
sangen Lieder, skandierten Parolen gegen den Krieg, gegen Rassismus und gegen
das Asylrecht. (Ein Teil der TeilnehmerInnen war von der Karawane Kein Mensch
ist illegal, die sich auf dem Weg zum Europa-Gipfel in Köln befand, zu der
Aktion gestoßen.)
Nach der dritten Aufforderung der Polizei-Einsatzleitung, die Straße
freizumachen und sich von der nicht-genehmigten Kundgebung zu entfernen, begann
ein Sondereinsatzkommando in der brütenden Sommerhitze damit, die
BlockiererInnen wegzutragen. Betont deeskalierend bemühten sich die
Polizisten, die DemonstrantInnen fast behutsam zum Gefängnisbus zu tragen.
(Die Anwesenheit mehrerer Fernsehteams und Journalisten war dieser Haltung
sicherlich förderlich).
Nach der Feststellung der Personalien und der Durchsuchung sämtlicher
Festgenommener und ihres Gepäcks wurden die BlockiererInnen - die
Männer in einem anderen Bus als die Frauen - in das Gefängnis in der
Klapperfeldstraße verbracht. Auch dort wurden die Männer von den
Frauen getrennt untergebracht. Die Frauen, die keine persönlichen
Gegenstände mitnehmen durften, verbrachten dann bis zu sechs Stunden in
einer Großzelle, die eine Toilette (ohne Klopapier) und ein Waschbecken
sowie hölzerne Sitzbänke bot.
Die Frauen, von denen sich zuvor nur wenige kannten, kamen aus den
unterschiedlichsten Zusammenhängen. Die jüngste war eine
15-jährige Schülerin, die älteste eine 60-jährige
Kommunistin. StudentInnen, Arbeitnehmerinnen, Selbständige, eine Nonne -
auch der berufliche Hintergrund war vielfältig. Die Frauen wußten
die zwangsweise verbrachte Zeit gut zu nutzen: Eine lebhafte Diskussion der
Rolle, die der Nationalismus im Jugoslawien-Krieg wie in der Friedensbewegung
spielt, Tänze, Gymnastikübungen, Geschichten erzählen, die
Beurteilung der Blockadeaktion, die Diskussion weiterer Aktionen ließen
keine Langeweile aufkommen.
Nach den Männern wurden dann einzeln die Frauen einem Verhör
unterzogen (sofern sie eine Aussage machten). Trotz Widerspruch wurden etliche
TeilnehmerInnen einer vollen erkennungsdienstlichen Behandlung unterzogen
(Fingerabdrücke, "Verbrecherphotos"). Außerdem bekamen sie
auch jetzt erst die Möglichkeit, eine Telefonat zu führen (bis auch
dies aufgrund einer Störung im Telefonrelais nicht mehr möglich war!)
Sämtliche Festgenommenen müssen jetzt mit einem
Ordnungswidrigkeitsverfahren rechnen. Die Aktion hat sich dennoch gelohnt.
Sollten die NATO-Bombardements in Jugoslawien noch länger andauern,
treffen wir uns bestimmt bald zu einer 3. Gewaltfreien Blockade wieder!
Kontakt: Darmstädter Friedensforum, Regina Hagen, Tel. 06151/47114,
regina.hagen@jugendstil.da.shuttle.de
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