Wer hat gesiegt im Krieg gegen Jugoslawien, wer verloren?
Der US-amerikanische Präsident Bill Clinton hat am 10. Juni 1999
vollmundig verkündet, die NATO habe gegen Jugoslawien einen
"Sieg" errungen. Das serbische Parlament hat den
"Friedensplan" der G8-Staaten gebilligt, das jugoslawische
Militär handelte eine "technisch-militärische Vereinbarung"
über die Einstellung sämtlicher Kampfhandlungen beider Seiten (das
heißt auch das Ende des Bombardements der Bundesrepublik Jugoslawien
durch die NATO) und den Rückzug der jugoslawischen Sicherheitskräfte
aus.
Zwar hat die NATO das erklärte Ziel dieses Krieges, den sicheren
Verbleib von Kosovo-Albanern in ihrer Heimat, nicht erreicht. Auch hat die
vollständige Zerstörung der jugoslawischen Infrastruktur im Kosovo
wie in den übrigen Landesteilen wohl kaum zu einem besseren und
friedlicheren Zusammenleben der unterschiedlichen Volksgruppen in Jugoslawien
beigetragen. Aber egal. Aus Sicht der westlichen Kriegsbeteiligten hat
Milosevic klein beigegeben. Er hat kapituliert, verloren. Die NATO feiert den
ersten "Sieg", der ausschließlich aus der Luft errungen wurde.
Recht haben sie! Oder?
Auch der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic erklärte
sich zum Sieger. In einer Fernsehansprache verkündete er seinem
kriegsgebeutelten Volk stolz: "Wir werden das Kosovo nicht aufgeben,
Wir haben das Kosovo niemals aufgegeben. Heute ist die territoriale
Integrität und Souveränität Jugoslawiens von den G8-Staaten und
der UNO garantiert. ... Offene Fragen bezüglich einer möglichen
Unabhängigkeit des Kosovos aus der Zeit, bevor die Aggression begann,
wurden mit dem Belgrader Abkommen beantwortet. ... Wir haben gezeigt, daß
unser Militär unverwundbar ist, ich bin sicher, wir haben das beste
Militär auf der Welt..."
Zwar mögen Zweifel an seiner letzten Aussage erlaubt sein. Aber
tatsächlich wird in dem 12-Punkte-Plan der G8-Länder wie in der
UNO-Sicherheitsresolution zum Jugoslawienkrieg anerkannt, daß der Kosovo
ein Teil der Bundesrepublik Jugoslawien bleibt und lediglich mit
Autonomierechten ausgestattet wird. Außerdem wurde in den
Sicherheitsratbeschluß ausdrücklich hineingeschrieben, "die
Verantwortung für die Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und
der Sicherheit" liege vorrangig in der Verantwortung des
Sicherheitsrates, also nicht bei der NATO, wie diese im Jugoslawienkrieg
glauben machen wollte. "Wir haben gesiegt, wir Serben haben die NATO
besiegt", zitierte das Darmstädter Echo gestern einen
siegestrunkenen jungen Mann aus Belgrad. Hat er etwa auch recht?
Da sei doch die Frage erlaubt: Worum wurde dieser Krieg eigentlich
geführt?
Die NATO begann am 24. März 1999 ihren dem Völkerrecht, dem
Grundgesetz und dem NATO-Statut widersprechenden Angriffskrieg gegen
Jugoslawien, um Präsident Milosevic "zur Räson" zu bringen.
Seine "Obstruktionspolitik" bei den "Friedensverhandlungen"
im Rambouillet und die massenhaften Vertreibungen, Ermordungen und
Menschenrechtsverletzungen im Kosovo zwängen die "internationale
Gemeinschaft" in Form der NATO zum "humanitären
Eingreifen". Die NATO wollte den jugoslawischen Präsidenten zur
Unterschrift unter den in Rambouillet vorgelegten Vertrag erzwingen.
Eigentlich hatte die serbische Verhandlungsdelegation sich auch gar nicht
gegen eine Unterschrift unter den Vertrag gewehrt. Über den politischen
Teil des Abkommens war nahezu Einigkeit erzielt worden. Nur den
nachträglich hinzugefügten militärischen Regelungen (d.h.
Kapitel 7 mit Anhang B) konnten und wollten die Serben nicht zustimmen.
Jetzt, nach 11 Wochen Krieg, behauptet die NATO, die Serben in die Knie
gezwungen und mehr herausgehandelt zu haben als ursprünglich vorgesehen.
Was ist daran wahr? Ein Vergleich der am 10.6.99 verabschiedeten Resolution des
UN-Sicherheitsrats für eine Friedenslösung im Kosovo mit den
Regelungen des Rambouillet-Abkommens in der Fassung vom 23.2.99 bringt
Aufschluß:
| Regelungen des
Rambouillet-Vertrags
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Resolution des UN-Sicherheitsrates
|
| "Die Anwendung von Gewalt im Kosovo
wird sofort aufhören." Die Einhaltung durch alle Seiten wäre
u.a. durch die vorgesehene Anwesenheit einer OSZE-Implementierungsmission und
internationaler Hilfsorganisationen möglich gewesen.
|
Es wird das unverzügliche und
nachprüfbare Ende der Gewalt im Kosovo durch jugoslawische
Sicherheitskräfte vereinbart. Die Regelung bezüglich des Verhaltens
der kosovo-albanischen UCK bleibt vage.
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| Es war keine aktive Beteiligung des
UN-Sicherheitsrates am Friedensprozeß und seiner Umsetzung vorgesehen.
|
Der UN-Sicherheitsrat hat die
Friedenslösung durch seine Resolution gebilligt und damit auf eine
völkerrechtliche Basis gestellt.
|
| "Der Status ... der
Sicherheitskräfte im Kosovo einschließlich des
Rückzugs" wird in dem Abkommen geregelt. Diese Regelungen waren
von den Serben akzeptiert.
|
Der Rückzug der jugoslawischen
Sicherheitskräfte aus dem Kosovo "nach einem zügigen
Zeitplan" wird festgeschrieben.
|
| "Die Parteien vereinbaren, daß
die NATO eine Streitmacht aufstellen wird." Diese sollte dem Abkommen
durch Durchsetzung verhelfen. Kapitel 7 und der zugehörige
Anhang B hatten vorgesehen, daß sich die NATO ohne UN-Mandat nicht
nur im Kosovo sondern in ganz Jugoslawien frei und nach Belieben bewegen
könnte. Damit wäre die Souveränität Jugoslawiens in hohem
Maße verletzt worden den Serben war somit die Zustimmung zum
Vertragswerk unmöglich.
|
Die "Stationierung von zivilen und
Sicherheitskräften im Kosovo unter Leitung der Vereinten
Nationen" soll u.a. dazu dienen, die Einstellung der Feinseligkeiten
und des Rückzugs zu überwachen, den Waffenstillstand (auch zwischen
Serben und UCK) zu überwachen und die Entwaffnung der UCK zu organisieren.
Die Resolution beschränkt sich auf den Kosovo und verweist auf die
"Verpflichtung ... zur Souveränität und territorialen
Integrität der Bundesrepublik Jugoslawiens.
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| Die Vertragsparteien erkennen die
Notwendigkeit humanitärer Hilfe, des "Wiederaufbaus und der
dauerhaften wirtschaftlichen Erholung "an. Dabei wird insbesondere
vereinbart, daß "die Europäische Kommission innerhalb eines
Monats eine internationale Geberkonferenz organisiert." Außerdem
wird zugesagt, daß "die internationale Gemeinschaft die Mittel
... zur Verfügung stellt."
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Die sichere Rückkehr der Flüchtlinge
und die ungehinderte Arbeit humanitärer Hilfsorganisationen werden
zugesichert, außerdem "Unterstützung beim Wiederaufbau der
Schlüsselinfrastruktur und dem übrigen wirtschaftlichen
Wiederaufbau". Die UN-Resolution begrüßt die Absicht, einen
"Stabilitätspakt für Südosteuropa"
einzuführen.
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| Der Vertrag regelt den Aufbau einer eigenen
Verwaltung,d ie Durchführung von Wahlen, die Funktion eines Ombudmans.
Nach Ablauf von drei Jahren besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer
Volksabstimmung den Status des Kosovo neu zu bestimmen. Angesichts der
Mehrheitsverhältnisse im Kosovo wäre damit die Abspaltung von
Jugoslawien gewiß.
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Im Kosovo wird eine Interimsverwaltung
aufgebaut, deren Hauptaufgabe die Errichtung einer "substantiellen
Autonomie und Selbstverwaltung des Kosovo innerhalb der Bundesrepublik
Jugoslawien" ist. Die Details sollen den im Abkommen von Rambouillet
entsprechen. Unklar bleibt dabei, ob dies die vorgesehene Volkstabstimmung
einschließt.
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| Die Vertragsparteien verpflichten sich, mit
dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien
zusammenzuarbeiten.
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Diese Regelung ist auch in der UN-Resolution
enthalten.
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| Die militärische Entwaffnung der
"anderen Streifkräfte" (gemeint ist die UCK) ist
vorgesehen, bleibt im Detail aber dem Kommandeur der KFOR überlassen.
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Die "UCK und andere bewaffnete
kosovo-albanische Gruppen" werden auffordert, jegliche
"offensive Aktionen zu beenden und die Forderungen für die
Entmilitarisierung zu erfüllen".
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(Fast) alle sind Verlierer!
Verlierer sind bei diesem Krieg, der ohne zwingenden Grund geführt
wurde, (fast) alle:
- Mindestens jeder zweite Kosovo-Albaner flüchtete ins Ausland oder
schlug sich die vergangenen Wochen als Binnenflüchtling durch. Der
Kosovo ist großenteils zerstört, die Felder blieben
unbestellt, die Umwelt ist schwer geschädigt, Rückstände der
Munition mit abgereichertem Uran bleiben für lange Zeit eine
gefährliche Last. Und mit dem Abzug der jugoslawischen Armee fürchten
nun ihrerseits die Serben die Rache der UCK und haben mit ihrem Exodus aus
Kosovo begonnen.
- Die Infrastruktur und Industrie von Serbien und der
Vojvodina, in etwas geringerem Umfang auch von Montenegro sind
fast vollständig zerstört. Der bitterarme Sandschak mit seiner
moslemischen Bevölkerungsmehrheit ist extrem gefährdet. Jugoslawien
wurde in seiner Entwicklung weit zurückgeworfen. Im ganzen Land
führten die NATO-Bombardements zu schweren Umweltschäden und
Verseuchungen mit abgereichertem Uran.
- Die Menschen anderer Katastrophengebiete oder Hilfsprogramme in der
übrigen Welt müssen ihre Gürtel noch enger schnallen. Das
Geld wird jetzt in Europa dringender gebraucht. Der "Balkanplan"
für die wirtschaftliche Konsolidierung Südosteuropas wird für
künftige "Wohltaten" kaum noch Spielraum lassen.
- Die europäischen Länder haben nicht nur diesen Krieg
mitfinanziert, sie werden auch das Geld für den Wiederaufbau des Balkan
aufbringen müssen. Die Ankündigung des deutschen Finanzministers
Eichel, daß in den kommenden Jahren die Rentenerhöhungen niedriger
ausfallen werden, gibt davon erst einen kleinen Vorgeschmack.
- Auf allen Ebenen sind Abrüstungsverhandlungen ins Stocken
geraten. Wenn die führende Weltmacht USA vorzeigt, daß das Recht
beim Stärkeren liegt, haben andere Staaten kaum Anlaß, Rüstung
zu verringern. Im Gegenteil: Rußland kündigte als
Gegenmaßnahme zur unübersehbaren konventionellen Überlegenheit
der USA an, wieder in die Entwicklung taktischer Atomwaffen zu investieren.
- Die Friedens- und Konfliktforschung versuchte seit langen Jahren,
zivile Lösungsmöglichkeiten für solche Konflikte aufzuzeigen.
Bislang wurden ihre Erkenntnisse von den PolitikerInnen rüde ignoriert,
nun wird ihr hohnlachend vorgeworfen, daß ihre (nie befolgten) Rezepte
den Krieg ja auch nicht verhindert hätten.
- Bestrebungen, den Umgang der Nationen miteinander vom Faustrecht weg hin
zum Völkerrecht zu verlagern, haben einen herben Rückschlag
erlitten. Mit der vordergründigen Argumentation, im Kosovo
"humanitäre Hilfe" leisten zu wollen, hat die NATO der
Kanonenbootpolitik zu einem neuen Höhenflug verholfen.
Doch es gibt auch Gewinner.
- Die US-amerikanische Regierung hat ihren Kopf durchgesetzt. Sie hat
die NATO instrumentalisiert, sich selbst für einen Angriffskrieg
mandatiert und den UN-Sicherheitsrat lächerlich gemacht. Die ganze Welt
hat verstanden, wer momentan das Sagen hat.
- Die Aktien der Rüstungsindustrie sind in den vergangenen drei
Monaten gewaltig gestiegen. Einen Ausblick auf künftige Profiterwartungen
gibt die Mitteilung des Rüstungsgiganten Raytheon, daß er mit einem
Auftrag in Höhe von mindestens US $ 1 Milliarde rechnet, weil das Pentagon
sein Waffenarsenal nach diesem Krieg wieder füllen müsse. In den USA,
in Europa (wo die Westeuropäische Union zu einem
"schlagkräftigen" Instrument ausgebaut werden soll) und in der
ganzen Welt dürfen sich Rüstungskonzerne auf satte Umsatzsteigerungen
freuen.
V.i.S.d.P: Darmstädter Friedensforum, Regina Hagen, Tel.
06151/47114, regina.hagen@jugendstil.da.shuttle.de
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