Kommunistischer Widerstand in Nazi-Deutschland
Allan Merson
Mehr als zwanzig Jahre widmete sich der englische Historiker Allan Merson
(1916-1995) der Erforschung des Widerstandes der KPD gegen die Nazidiktatur.
1985 erschien das Resultat seiner Arbeit unter dem Titel »Communist
Resistance in Nazi Germany« in London, 1986 in den USA. 1990
veröffentlichte die Zeitschrift »Geschichte im Westen« ein
Kapitel, in dem Merson am Beispiel einer Düsseldorfer KPD-Organisation die
Situation der Partei nach der Niederlage von 1933 schildert.
Der Herausgeber der deutschen Ausgabe, Karl Heinz Jahnke, vermutet in seiner
Einleitung wahrscheinlich zu recht, daß die »Distanz zum
kommunistischen Widerstand« in der Bundesrepublik »zu
groß« gewesen sei, um ein derartiges Projekt zu fördern. Hinzu
komme, daß nach dem Anschluß der DDR an die BRD »zahlreiche
Forschungsstätten geschlossen und langfristige Untersuchungen zur NS-Zeit
und zum Widerstand abgebrochen« wurden. Jahnke sieht Mersons Arbeit als
Teil einer Darstellung des antifaschistischen Widerstandes insgesamt, einer
»der Schlüsselfragen deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts«
überhaupt.
Allein dies rechtfertigt die Edition eines Werkes, das den Forschungsstand
seiner Zeit zusammenfaßt. Aktuell wird das Buch Mersons aber auch, weil
er Thesen zur Grundlage seiner Arbeit macht, die nach 1990 wider besseres
Wissen im Zuge der Revitalisierung von Kalter-Kriegs-Ideologie erneut um sich
griffen.
In der westdeutschen offiziösen Historiographie zählt der
kommunistische Widerstand gegen die Nazis ohnehin kaum zum Widerstand; die
Auffassung, daß »die Arbeiterbewegung im allgemeinen und die KPD im
besonderen keinen bedeutenden Anteil am geleisteten Widerstand hatten«
(Merson) war längst bundesdeutsches Bildungsgut, bevor Daniel Goldhagen
dazu die Theorie lieferte. Merson setzt sich bewußt von seinen
Fachkollegen ab und unterscheidet sich vor allem dadurch von ihnen, daß
er Ignoranz nicht für ein Argument hält: Er hat sowohl die
westdeutschen wie die Arbeiten von DDR-Historikern kritisch aufgenommen. Er
stützt sich auf Archivstudien in beiden deutschen Staaten, auf Befragung
von Zeitzeugen und auf eine immense Literatur. Systematisch verfolgt er sowohl
die Entwicklung innerhalb der Führungsgremien der KPD zwischen 1933 und
1945 als auch auf lokaler und regionaler Ebene wie eben in Düsseldorf,
wobei er sich auf die Bemühungen konzentriert, immer wieder eine
deutschlandweite Organisation des Widerstandes zu schaffen.
Ausgangspunkt seiner Analyse ist die Stellung der KPD innerhalb der
kommunistischen Weltbewegung. Die Verteidigung der Sowjetunion und der Kurs der
Kommunistischen Internationale seit 1928 auf Ausnutzung der Krise für den
revolutionären Kampf seien oberste politische Prioritäten gewesen.
Daraus erklärt Merson die Haltung der KPD nach dem 30. Januar 1933 und
ihre Ausrichtung auf die rasche Überwindung des Faschismus. Bis 1935
hatten es die Nazis nach seiner Darstellung im Grunde mit einer intakten Partei
zu tun. Erst nach 1936, als im Innern des Landes mit dem Verschwinden der
Arbeitslosigkeit faktisch neue Verhältnisse herrschten, gingen die
Aktivitäten im Lande stark zurück - nicht zuletzt, weil viele aktive
Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg kämpften.
Nicht zu unterschätzen, aber schwer nachweisbar, so Merson, sei die
mündliche Propaganda der KPD in Deutschland gewesen - etwa über den
Sender der Interbrigaden 29,8 oder später über Radio Moskau.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges beginnt nach Merson eine Phase, in
der die KPD erneut koordinierten Widerstand leistete - trotz der Irritationen
nach dem Nichtangriffspakt zwischen UdSSR und Deutschland im Sommer 1939.
Merson geht auch auf die Teilnahme deutscher Kommunisten in den bewaffneten
Bewegungen gegen die deutsche Besatzung in verschiedenen Ländern ein. Das
Konzept eines »anderen Deutschland« sei 1943 aus sowjetischer
Perspektive heraus entwickelt worden, um insbesondere unter den deutschen
Soldaten eine Alternative zu entwickeln.
Mersons Resümee lautet, daß der Widerstand der Kommunisten von
allen Parteien und Gruppierungen am stärksten war. Die Kommunisten seien
stets bestrebt gewesen, eine nationale, zentrale Organisation aufzubauen - je
nach den Gegebenheiten im Land oder außerhalb. Bei aller Kritik an der
Strategie der KPD-Führung kommt Merson 1985 so zu einem Schluß, der
erklärt, warum sein Buch in keinem bundesdeutschen Großverlag
erscheinen konnte: »Wer den kommunistischen Widerstand gegen das Dritte
Reich ignoriert oder unterschätzt, sieht auch die DDR verzerrt, erkennt
nicht ihre historischen Wurzeln und stellt sie als wurzelloses Gebilde dar, das
aus der militärischen Besetzung durch die Sowjetunion hervorging.«
Allan Merson: Kommunistischer Widerstand in Nazi-Deutschland.
Pahl-Rugenstein-Verlag, Bonn 1999, 287 Seiten, 49.90 DM
Arnold Schölzel (junge welt)
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