Antifaschistischer Abend der Naturfeunde Lauterbach am 10.11.99 - Wider das Vergessen
Auf Einladung der Naturfreunde kam Traugott "Schorsch" LIESEM aus Hattersheim bei Frankfurt/M in die Beratungsstelle für Schüler und arbeitslose Jugendliche in Lauterbach, um von seinem bewegten Leben zu erzählen.
Seine doch recht lustige Art wich aber rasch, als er, mit noch nach über 75 Jahren zu verspürender Wut, erzählte, wie der katholische Pfarrer in Frankfurt-Zeilsheim, ihn und andere an einem Schulstreik teil genommenen Kinder mit dem Ochsenziemer verwamschte;. Was war geschehen: Wir hatten für unseren beliebten Lehrer gestreikt, weil er den Konservativen zu freiheitsdenkend gewesen war und von der Schule verwiesen werden sollte. Dies war ungerecht und wir lehnten uns dagegen auf ! Durch ihn, so beteuert er , entwickelte sich mein unbändiger Drang nach Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität. Mit 14 revanchierte er sich und trat aus der katholischen Kirche aus. Dafür aber, inzwischen Lehrling der Farbwerke Höchst, also Rotfabriker, trat er 1929 in die Revolutionäre-Gewerkschafts-Opposition ein. Wir, die RGO hatten das Sagen und unterrichteten die Arbeiter über Mißstände in der Fabrik und brachten ein Blatt raus, das reißenden Absatz fand. Nach der Lehre 1931 wurde er wie viele arbeitslos.
Ich war bei den Freien Turnern sogar Trommler und auch bei den Roten Turnern, erzählte Traugott LIESEM, ...also nicht im Deutschen Turnerbund. Unsere Vereinigungen wurden von Hitlers Schergen aufgelöst.
1933 verhafteten uns bewaffnete SA-Leute und wir wurden unter Androhung von Waffengewalt in die Höchster Kaserne verschleppt.
Dort sollten wir durch Schläge und andere brutale Quälereien gefügig gemacht werden. Ich wurde oft geschlagen. Je größer der Druck auf uns wurde, um so fester hielten wir zusammen und 1933 trat ich dann in die KPD ein und wurde ins Saarland zu einer Schulung geschickt. Anschließend gründete er eine Gruppe mit jungen Leute, die sich schworen, gegen die Nazis zu kämpfen. Auf einer alten Schreibmaschine, die im Feld zwischen Hofheim und Münster versteckt war, verfaßten sie Flugblätter und verteilten diese nachts unter Einsatz ihres Lebens in die Briefkästen. Wände beschrifteten sie mit Anti-Naziparolen und zur Vervielfältigung ihrer mahnenden und fordernden Schriften benutzten sie Wachsmatrizen.
1939 sind wir dann aufgeflogen, weil einer die qualvollen Foltermethoden der Nazis nicht aushalten konnte, erzählte er weiter ...wir gingen alle Mann "Hopps" und kamen in Kassel vor Gericht, wo der berüchtigte Generalstaatsanwalt Freisler mich zur längsten Strafe verurteilte, 4 Jahren Zuchthaus, weil ich der Anführer unserer Gruppe war. Grund: Verbreitung eines hochverräterischen Unternehmens und Mitgliedschaft in der KPD.
Die vier Jahre saß er im Zuchthaus Freiendietz bei Nassau.
Wieder zu Hause heiratete er und mußte sich deswegen statt täglich "nur" noch wöchentlich melden. Die Nazis versuchten ihn als Spitzel zu gewinnen, was aber für "Schorsch" niemals in Frage gekommen wäre, er leistete weiterhin Widerstandsarbeit, bis er im Winter 1940 ins Arbeitslager Roßlau bei Dessau zur Elberegulierung gezwungen wurde. Wir mußten unter menschenverachtenden Bedingungen schwerste Arbeiten verrichten. Mit schweren Felsbrocken, Sand und Loren standen wir oft im Wasser und schleppten uns halb tot. Viele sind hier gestorben, weil sie es nicht aushielten. Das Essen war so miserabel, daß wir fast alle nachtblind wurden und wir mußten uns an den Händen gegenseitig zur Arbeit und wieder in die Baracken führen - das kam von der Ernährung! Wir gingen morgens im Dunkeln zum Schinden und sind abends im Dunkeln zurück gekommen - das habe ich nur geschafft, weil ich fest davon überzeugt war, daß der Hitler nicht ewig dran bleiben wird ! Dies sagte Traugott LIESEM mit großer Überzeugung. Auch die nächste Zeit in Griebo bei Wittenberg, wo er in einem Stickstoffwerk zwangsarbeitete. Hier gab es Kappes (Weißkohl) und ein kleines Netz Kartoffeln, die Kartoffeln waren oftmals schon angefault - wir haben sie trotzdem gegessen, aus lauter Hunger, erzählt Traugott LIESEM seinen Zuhörern. Wie kann dies ein Mensch überhaupt aushalten ? Viele meiner Genossen sind umgekommen, haben es eben nicht ausgehalten. antwortet er da und es entsteht eine kurze Pause.
Jetzt ist uns allen Zuhörern immer deutlicher bewußt, was dieser Mann und viele seiner Leidensgenossen ertragen mußten.
Ich kann heute nichts mehr riechen, mein Geruchssinn ist kaputt, kaputt gemacht durch die Arbeit mit dem ätzenden Zeug, das wohl hauptsächlich für die Landwirtschaft gemacht und versackt wurde acht Zähne haben die mir ausgeschlagen! - unterbricht Traugott LIESEM die entstandene Stille.
Aber es geht ja noch weiter, sagt er - die Männer die jung und noch einigermaßen gesund waren, einen Beruf erlernt hatten, wurden irgendwann rausgesucht und für den Einsatz als Soldaten zwangsausgebildet - mit dem Granatwerfer sollte ich für Hitler, für das Deutsche Reich kämpfen, was gar nicht meines war - in Afrika beim Strafbataillon 999
Und hier in Afrika, sagte Traugott "Schorsch" LIESEM mit bewegter Stimme und sichtlich berührt, lernte ich kennen, was wahre, echte Solidarität und Menschlichkeit und Glauben an die Gute Sache ist... die Alten haben uns nach hinten geschickt, wenn wir Minen räumen mußten, weil sie uns zutrauten die Zukunft neu und besser gestalten zu können - ohne Faschismus!
Auch die Alten glaubten, daß der Hitlerspuk nicht 1000 Jahre dauern, sondern bald ein Ende finden würde und sie sollten ja recht behalten.
Eine junge Teilnehmerin, der Veranstaltung erzählte, von ihrer Prüfungsarbeit über die unmenschlichen Lebensverhälnisse in Nazilagern. "Schorsch" war sehr erfreut, dass es noch junge Menschen gibt, die sich mit dem Hitlerproblem auseinander setzen. Laßt so etwas nie wieder zu, geht wo Unrecht ist hin, geht auf die Straße, kämpft für den Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit..........
1947 dann kam Traugott "Schorsch" LIESEM in englische Kriegsgefangenschaft in el Daba. Von dort nach Tobruk, Kairo, Suez und nach 11 Tagen legte das Schiff in Cuxhaven, also wieder an der Elbe, an. Von hier wurde er ins amerikanische Lager "Münsterland" verbracht. Später dann an Frankfurt vorbei nach Dachau und anschließend schlug er sich über Erlangen nach Frankfurt durch, wo er seine Frau und Kinder wieder traf.
Traugott "Schorsch" LIESEM war , kaum zu Hause angekommen, 1947 Gründungsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregiemes.
1993 wurde er von der Stadt Frankfurt mit der Johanna-Kirchner-Medaille für seinen aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus geehrt.
Wie richtig das ist !
Oft Berlin , oft Dortmund, Köln, viele Pressefest, 3 Tage Pressefest 1999 , Antikriegstage, 26 Ostermärsche, Ortkartell, Hattersheimer Friedenforen, Freidenker, 70 Jahre Kommunist, 70 Jahre Gewerkschafter Jahre alter Schule, Schulen und jetzt Lauterbach, das sind die Stationen die Traugott "Schorsch" LIESEM ging und geht, um für seinen richtigen Weg, die sozialistisch-marxistische Idee, zu werben.
Danke "Schorsch", wie Deine Freunde Dich liebevoll nennen.
Wir kommen zum 87ten in ein paar Tagen!
|