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30 Jahre DKP

Eine Veranstaltung in der Offenbacher Stadthalle

Rudi Hechler hielt die Geburtstagsrede in der es u.a. hieß:

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

im Jahre 1990 standen in der Naturfreundezeitung "Wandern und Bergsteigen" folgende Zeilen:

Du sagst: Der Sozialismus ist tot!

Ich frage Dich: Sind denn Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit schon verwirklicht? Oder sollen wir unsere Träume von einer besseren Zukunft begraben?

Du sagst: Was willst Du? Es geht uns doch besser als je zuvor!

Ich frage Dich: Denken unsere Arbeitslosen, unsere Obdachlosen, unsere Sozialhilfeempfänger ebenso?

Ich sage Dir: Solange nicht jeder Mensch auf dieser Erde ein menschenwürdiges Leben führen kann, darf die Idee des Sozialismus nicht begraben werden!

Ich wurde gebeten, liebe Genossinnen, liebe Genossen, heute die Geburtstagsrede zu halten. Ich will dabei versuchen Rückschau zu halten, die Vergangenheit einzuordnen und ein paar Gedanken für die Zukunft zu skizzieren.

 

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

30 Jahre DKP, das ist nur ein Abschnitt, wir sollten die gesamte Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung unseres Landes in unser Denken miteinbeziehen.

Bei der Rückschau ist wichtig - wenn wir von Fehlentwicklungen und unseren Fehlern reden, sollten wir nie die Situation vergessen, in der Fehlentwicklungen und Fehler entstanden.

Die kommunistische Arbeiterbewegung Deutschlands hat eine Geschichte auf die man stolz sein kann.

Stürmische Entwicklung und mühsames Lernen in den 20er Jahren. Ungezählte Opfer und Heldenmut in der Zeit des Faschismus. Neuaufbau nach 1945 - kalter Krieg - 1956: Parteiverbot - Illegalität - und dann vor 30 Jahren die Konstituierung der Deutschen Kommunistischen Partei.

Ich halte den 30. Jahrestag der DKP-Gründung für einen guten Anlaß, erneut über den zurückgelegten Weg nachzudenken ohne die Aufgaben der Zukunft aus den Augen zu verlieren.

Ich habe mir - liebe Genossinnen, liebe Genossen - dieser Tage die Pressemeldungen des Jahres 1967 angesehen.

Eigentlich kann ich nur sagen: Große Hochachtung vor den Genossinnen und Genossen die im "Initiativausschuß für die Wiederzulassung der KPD" kämpften.

Was für eine Aufbruchstimmung. 200 Offenbacher im TGO-Haus. Überfüllte Säle auch anderswo. Im Saal der Kirchengemeinde in der Frankfurter Nordweststadt, in der "Schönen Aussicht" in Höchst, im Schloßgartensaal in Hanau, beim "Sattler" in Mörfelden und in vielen Städten und Gemeinden in Hessen und in der gesamten Bundesrepublik.

Spannende Jahre - Ostermärsche - Aktionen gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam - Anti-Springer-Bewegung - Studentenrevolten - Jupp Schleifstein kehrt zurück und spricht in der Frankfurter Uni - die sich Karl-Marx-Universität nannte.

Es wird deutlich - die Zeit war günstig - aber - die Genossinnen und Genossen der KPD haben sich ihre legale Partei erkämpft.

Am 25. September 1968 trafen sich in Frankfurt Kommunisten aus allen damaligen Bundesländern zur Neukonstituierung einer legalen kommunistischen Partei, der DKP.

Trotz des Weiterbestehens des KPD-Verbots, dessen Aufhebung seit langem nicht nur von Kommunisten, sondern auch von zahlreichen Politikern anderer Parteien und großen Teilen der außerparlamentarischen Bewegung gefordert wurde, kam es zur Konstituierung.

Zum Sprecher des 31 Personen umfassenden Bundesausschusses wurde Kurt Bachmann gewählt.

Einen Tag später stellten Karl-Heinz Noetzel, Kurt Erlebach, Georg Polikeit, Sepp Mayer, Kurt Bachmann und Ludwig Müller am nächsten Tag in einer überfüllten Pressekonferenz im Saal des Hotels "Zur Kanne" in Frankfurt-Sachsenhausen auf einer Pressekonferenz die "Erklärung zur Neukonstituierung einer legalen Kommunistischen Partei" vor.

Zur Begründung der Notwendigkeit des Wirkens einer legalen kommunistischen Partei wurde auf die allseitige Rechtsentwicklung und die wachsende neofaschistische Gefahr verwiesen. (Wir hatten vorher die Verabschiedung der Notstandsgesetze durch die große Koalition von CDU/CSU und SPD, wir hatten einen rapiden Aufschwung der neonazistischen NPD.)

"Wir handeln", so hieß es in unserer Erklärung zur Neukonstituierung, "weil wir feststellen müssen, daß die Arbeiterklasse in der Bundesrepublik gegenwärtig keine politische Partei findet, die ihre demokratischen Gegenwartsinteressen konsequent vertritt und mit den gesellschaftspolitischen Forderungen für eine sozialistische Zukunft verbindet."

Die Konstituierung der DKP fand ein breites Echo im In- und Ausland. (Gerade im Ausland war ja vorher oft kritisiert worden - daß in der Bundesrepublik Deutschland Kommunisten verboten waren.)

Bedeutsam war, daß der 1. Sekretär der verbotenen KPD, Max Reimann, in einer Erklärung die Konstituierung begrüßte. So schlossen sich rasch viele erfahrene Kommunistinnen und Kommunisten der schnell wachsenden DKP an. Das war in Hessen und in anderen Ländern so.

Beispiele: Am 29. September 1968 bildeten 21 Mörfelder einen Ausschuß zur Konstituierung - gestern erhielt ich ein anderes Dokument aus dieser Zeit: Am 20. November trafen sich die Ueberauer Kommunisten in der Gaststätte "Zur Germania" zu einer Versammlung.

Verstärkt wurden die älteren Genossinnen und Genossen durch eine große Zahl aktiver junger Menschen, die in der außerparlamentarischen Bewegung der sechziger Jahre aktiv waren, dort Kommunisten kennengelernt hatten und jetzt in der DKP eine neue, zukunftsweisende Kraft sahen. Das waren vor allem Aktivisten der Studentenbewegung und der wenige Monate zuvor entstandenen SDAJ.

Der Rechtsentwicklung in der Bundesrepublik stellten wir von Anfang an den Kampf um eine demokratische Erneuerung von Staat und Gesellschaft entgegen. Wir unterstrichen im Gründungsdokument: "Die Kommunistische Partei, die wir neu konstituieren, ist eine Partei der Bundesrepublik ... Wir entwickeln unser Programm, die Formen und Methoden unseres Kampfes selbständig auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus und ausgehend von den ökonomischen und politischen Bedingungen, die in der Bundesrepublik herrschen. Wir achten das Grundgesetz, wir verteidigen die darin verkündeten demokratischen Grundrechte und Grundsätze ... Wir fordern, daß die seit 1949 vorgenommenen antidemokratischen Änderungen und Einschränkungen, besonders die Notstandsgesetze, rückgängig gemacht werden. Auf der Basis der im Grundgesetz proklamierten demokratischen Prinzipien ringen wir um die demokratische Erneuerung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Unser Ziel ist die sozialistische Umgestaltung von Staat und Gesellschaft."

Wir unterstrichen, daß der Kampf um eine sozialistische Ordnung sich auf die Arbeiterklasse und auf die Überzeugung der großen Mehrheit der Bevölkerung stützen müsse. Zugleich mit der Betonung, Partei der Bundesrepublik zu sein, ließen wir keinen Zweifel an unseren internationalistischen Positionen.

Das wurde von anfang an deutlich. Es gab die Zuspitzungen in der CSSR, der Einmarsch der Staaten des Warschauer Paktes.

Wer die Presse jener Zeit nachliest, merkt sehr schnell, daß der Westen hier eine große Chance sah - die Verhältnisse zu ändern - koste es was es wolle. (Das war so 1956 in Ungarn, oder auch beim 17. Juni in der DDR.)

In unseren Dokumenten übernahmen wir ohne zu zögern die Stellungnahmen der Politbüros der KPdSU und des Zentralkomitees der SED. Diese undifferenzierte Übernahme war von unserem heutigen Wissen sicher falsch. Aber wie hätten wir damals - wo wir spürten - man will die Uhr zurückdrehen - anders entscheiden können?

Nur - das hat natürlich auch viele ehrliche Linke abgehalten zu uns zu kommen.

Wir hatten und ich denke - wir haben auch heute - zu Recht eine ungeheure Achtung vor der geschichtlichen Rolle der Oktoberrevolution, wir kannten den entscheidenden Beitrag der Sowjetunion zum Sieg über den Hitlerfaschismus - wir wußten, daß der Imperialismus alles unternehmen würde, die historische Entwicklung zurückzudrehen.

Unsere prinzipielle Solidarität mit der Sowjetunion - der DDR und den anderen sozialistischen Staaten - führte aber dann dazu, Probleme des entstehenden Sozialismus nicht zu erkennen, alles, auch offensichtliche Fehlentwicklungen und Verbrechen, zu übersehen oder zu verteidigen.

 

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

wenn wir heute rückschauend die ersten Monate nach der DKP-Konstituierung betrachten - dann fällt sofort der Gründungskongreß, am 27. Oktober 1968, hier in der Offenbacher Stadthalle ins Auge.

Über 500 Delegierte und 160 Vertreter der Presse waren anwesend. Innerhalb weniger Wochen hatte man Gewaltiges geleistet. Die DKP hatte schon über 9000 eingeschriebene Mitglieder.

Kurt Bachmann hielt im großen Saal die Rede. In der Diskussion sprachen u.a. Henner Schröder von Rheinstahl Henschel in Kassel, Fritz Stern von Opel-Rüsselsheim, Rolf Knecht von Honeywell. Grete Thiele sprach und Richard Scheringer. Viele bekannte Namen. Personen mit Biografien, an denen sich junge Genossinnen und Genossen orientieren konnten.

Der Zeitpunkt, zur Neukonstituierung einer legalen Kommunistischen Partei war offensichtlich richtig gewählt. Ein langer Kampf um die Veränderung der politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik, um die Überwindung des kalten Krieges war dem vorausgegangen.

 

Liebe Genossinnen und Genossen,

vergessen wir nicht die Härte der politischen Auseinandersetzungen jener Jahre. Das KPD-Verbot von 1956 mit der gleichzeitigen Remilitarisierung, war ein Höhepunkt im kalten Krieg. Und - dieser kalte Krieg drohte jederzeit in einen heißen umzuschlagen.

Mit dem Verbot der KPD sollte eine aktive Kraft des Widerstandes gegen die Remilitarisierung und den kalten Krieg, gegen die Forderungen auf Revision der Ergebnisse des zweiten Weltkrieges ausgeschaltet werden. Eine Partei zudem die der Macht der Konzerne eine sozialistische Alternative entgegenstellte.

Das internationale Kräfteverhältnis entwickelte sich aber in den Jahren nach der Verkündung des KPD-Verbots anders als von der Adenauer-Regierung erwartet. Allmählich wuchs im Westen die Erkenntnis, daß ein militärisches "roll back" der Grenzen des Sozialismus wenig Chancen besaß. Die Forderungen nach einer Beendigung des kalten Krieges, nach einer Neuorientierung der Innen- und Außenpolitik der Bundesrepublik wurden stärker.

Dabei erkannten viele Politiker, daß auch das KPD-Verbot einer solchen Neuorientierung im Wege stand, besonders, wenn die Bundesrepublik ihre Beziehungen zu den damaligen sozialistischen Staaten Osteuropas normalisieren wollte. Doch diese selbst von manchen CDU-Politikern gewonnene Erkenntnis führte nicht zur Bereitschaft, das verfassungswidrige KPD-Verbot aufzuheben.

Es war der Kampf der Kommunisten selbst, der immer wieder und mit wachsender Resonanz die Forderung nach Aufhebung des KPD-Verbots und der Möglichkeit legaler, demokratischer Betätigung der Kommunisten aufwarf. Dieser Kampf war in den fünfziger und sechziger Jahren sehr hart. Zehntausende Kommunisten und andere Demokraten wurden vom Verfassungsschutz bespitzelt, von der politischen Polizei mit Hausdurchsuchungen und Verhaftungen verfolgt, von politischen Sonderstrafkammern wegen ihrer politischen Gesinnung verurteilt. Wenn wir hier in die Versammlung sehen - dann sehen wir eine Reihe Genossen die davon Zeugnis ablegen können. Ich denke dieses Thema darf man nicht abhaken.

Auch die neue Regierung in Bonn muß mit den Forderungen nach Rehabilitierung und Entschädigung konfrontiert werden.

 

Liebe Genossinnen, liebe Genossen!

Wie war das damals in der Illegalität der Partei? Es lohnt sich schon, jene Zeit noch einmal zu betrachten.

Kommunistinnen und Kommunisten hatten sich durch Parteiverbot und Verfolgung nicht davon abbringen lassen aktiv zu werden. Sie knüpften viele Netze. Sie waren dabei, als die Ostermärsche gegen die Atomrüstung begannen und von Jahr zu Jahr größer wurden, obwohl Regierung und SPD-Führung sie mit allen Mitteln bekämpften.

Sie fehlten bei keiner der großen Aktionen gegen den Krieg der USA in Vietnam.

Als aktive Gewerkschafter waren sie Betriebsräte - halfen mit, den gewerkschaftlichen Widerstand gegen die Notstandsgesetze zu organisieren.

Als bewährte Antifaschisten standen sie in der ersten Reihe der Aktionen gegen den Neofaschismus, halfen mit, die geplante Verjährung von Naziverbrechen abzuwehren.

Auch in der immer stärker werdenden studentischen Opposition brachten Kommunisten Vorschläge und Aktivität ein, stärkten den Wunsch, gesellschaftliche Alternativen zum Großkapital zu entdecken, brachten marxistische Gedankengut ein.

In der 68er Bewegung hatten sich Kommunisten einen Platz erkämpft durch Wissen, Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft. Sie handelten ohne ihre kommunistische Gesinnung zu verbergen.

Ihre Forderungen nach Entspannung, Anerkennung der Nachkriegsgrenzen und der DDR, nach Aufhebung des KPD-Verbots wurden mehr und mehr Grundforderungen der ganzen außerparlamentarischen Bewegung.

Im Januar 1968 legte die KPD einen Programmentwurf vor, um dessen legale Verbreitung ein monatelanger Kampf entbrannte.

Einerseits forderte die Regierung von der KPD einen Beweis, daß sie auf dem Boden des Grundgesetzes stehe, andererseits verfolgten ihre Organe die Verbreitung des Programmentwurfs, der gerade diesem Ziel diente.

Auch in Hessen gab es wieder Hausdurchsuchungen - in der Druckerei Hosch in Frankfurt beschlagnahmte die Kripo die neugedruckten Programme. Aber wir stellten in Mörfelden neue her, falzten sie nächtelang in einer Scheune in einem kleinen Dorf zwischen Mörfelden und Darmstadt.

Diesen Enthusiasmus diese Einsatzbereitschaft, liebe Genossinnen und Genossen - wollen wir und werden wir nicht vergessen.

Wenn wir heute rückschauend 30 Jahre der DKP bilanzieren, dann gilt es trotz der tiefen Enttäuschung über die historische Niederlage des "realen Sozialismus" in Europa zu erkennen, daß unsere Partei in den ersten Jahren nach der Konstituierung beachtliche politische Erfolge aufzuweisen hatte.

Denkt an die außerparlamentarischen Bewegungen. Startbahn/West - die "Verfassungsschützer" - schrieben nicht nur Falsches. Wir waren eine wichtige Kraft.

Denken wir an unsere erkämpften Parlamentsmandate in Hessen von Ahnatal im Norden bis Reinheim im Süden.

Denken wir an die Bewegung gegen die Berufsverbote, an die Friedensbewegung. Ohne unsere Hilfe hätte es die gewaltigen Manifestationen im Bonner Hofgarten nicht gegeben.

Denken wir an die erfolgreiche Arbeit unserer Genossinnen und Genossen im MSB Spartakus und der SDAJ .

Denken wir an die internationale Solidarität. Vietnam, Chile, Nicaragua, Kuba.

Denken wir an Aktionen für Corvalan, Angela Davis und Nelson Mandela.

Und Genossinnen und Genossen - denken wir an unsere antifaschistische Arbeit. Ich habe heute nur wenige Namen erwähnt. Emil Carlebach und Peter Gingold sollten bei uns in Hessen heute stellvertretend für viele doch genannt werden.

Wir sollten, liebe Genossinnen, liebe Genossen, festhalten: Nichts, was sich in unserem Land positiv veränderte, geschah ohne eine vorausgehende außerparlamentarische Bewegung.

Wäre es zur Anerkennung der DDR gekommen, wenn es bereits in den ersten Wochen der Brandt/Scheel-Regierung den Neonazis in Kassel gelungen wäre, die Begegnung Brandt/Stoph mit ihren Provokationen zu sprengen?

Es war unsere Partei, die Gegenmacht demonstrierte und damit Signale setzte. Diese Erfahrungen dürfen nicht verloren gehen.

Aber - reden wir auch von dem was wir nicht erreichten. Wir haben es in den 25 Jahren nicht geschafft, eine in Landesparlamenten und im Bundestag wirkende Kraft zu werden.

Mitte der achtziger Jahre stagnierte unsere Mitgliederentwicklung, ging unser Einfluß unter der Jugend zurück. Trotz großer Bemühungen haben wir manche neuen Probleme in unserem Land nicht erkannt oder unterschätzt, vor allem solche Fragen wie die der Ökologie. Zwiespältig war unser Verhältnis zur Kernenergie, was sich bei der Katastrophe von Tschernobyl rächte. Neue Bewegungen aus denen "Grünen" entstanden, wurden unterschätzt.

Kritische Stimmen in der Partei galten uns zu lange als von außen hineingetragen, statt zu begreifen, daß sie Ausdruck unzureichender innerparteilicher Diskussion waren. So entstand schon vor dem Zusammenbruch der DDR eine komplizierte Lage in der Partei. Das alles waren Ursachen des Rückganges unseres Masseneinflusses.

Dann kamen die Jahre 1989 - 1990. Diskussionen um "Sputnik"-Resolutionen, "Neuerer"-Debatten. Wieviele Wunden wurden auf allen Seiten geschlagen, wieviele Narben brennen noch immer und hindern aufeinanderzuzugehen.

Die DDR ging unter - die Sowjetunion (unsere Sowjetunion) gab es plötzlich nicht mehr. Wer konnte das alles fassen?

Viele Genossinnen und Genossen verließen die Partei, blieben aber Linke - Kommunisten. Manche versanken resigniert ins Private - sind kaum noch zu erreichen. Manche arbeiten heute in der PDS - einige davon wirken jetzt im Bundestag.

Ich denke - wir müssen Verständnis haben - wenn sich Biografien in jenen Tagen veränderten. Der Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems war und ist allerdings auch für mich - und viele andere - bis heute kaum zu begreifen.

Ich betrachte mir alte Fotos von 1. Mai-Demonstrationen vor 1933 in Mörfelden. Auf den Transparenten "Wir schützen die Sowjetunion!".

Viele die hier sitzen - sind doch erzogen worden von jenen Genossen die damals in unseren Kommunen solche Losungen trugen. Und dann - wurde die rote Fahne auf dem Kreml eingezogen.

 

30 Jahre DKP

Wir haben uns bemüht, unsere Politik und Strategie von den Bedingungen der Bundesrepublik aus als Partei dieses Landes zu entwickeln, wie wir es im Gründungsaufruf versprochen hatten.

Zugleich müssen wir erkennen und offen aussprechen, wo wir Wunschdenken verfallen sind.

Kurt Bachmann schrieb vor einigen Jahren:

"Unserer richtige prinzipielle Solidarität mit der Sowjetunion und der DDR führte zu einer unkritischen Übernahme grundlegender Fehleinschätzungen des internationalen Kräfteverhältnisses, der Überschätzung der Möglichkeiten des Sozialismus und der Unterschätzung der Möglichkeiten des Imperialismus.

Hier traten Glaube an die größere Erfahrung regierender kommunistischer Parteien und eigenes Wunschdenken immer stärker an die Stelle einer dringend notwendigen wissenschaftlichen Analyse.

Dogmatische Formulierungen von der Unumkehrbarkeit gesellschaftlicher Errungenschaften der Geschichte vernebelten unser kritisches Denken, was mit einer wissenschaftlichen Weltanschauung unvereinbar war.

Wir idealisierten den erreichten Entwicklungsstand der sozialistischen Länder, erklärten ihre Gesellschaft zum «entwickelten Sozialismus» in einer Zeit, in der ihre ökonomische Abhängigkeit von der imperialistischen Welt zunahm, wollten offensichtliche Demokratiedefizite nicht sehen.

Wir allen wußten, daß die Voraussetzungen für das Entstehen der DKP nicht zufällig zusammenfielen mit den erfolgreichsten Jahren der DDR. Als wir zu stagnieren begannen, waren wir nicht bereit anzuerkennen, daß eine der Ursachen dafür auch in einer zurückgehenden Ausstrahlungskraft des Sozialismus zu suchen war."

 

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

der Zusammenbruch der UdSSR, die Einverleibung der DDR hat uns Kommunisten alle schwer getroffen. Aber sind damit die Gründe weggefallen, die 1968 zur Konstituierung der DKP führten?

Wir sind damals angetreten gegen Rechtsentwicklung und neofaschistische Gefahr. Wer kann heute angesichts der marschierenden Neonazis behaupten, daß heute eine DKP weniger wichtig wäre als 1968?

Die DKP ist entstanden als organisierende Kraft gegen die Allmacht des Großkapitals. Kann da in einer Zeit, in der ein fast ungehemmter brutaler Kapitalismus herrscht, auf antikapitalistische Konzeptionen verzichtet werden?

Kann auf eine entschieden antikapitalistische Kraft - so schwach sie zur Zeit auch ist - wie die DKP verzichtet werden?

Ich meine wir brauchen die Partei!

Aber: Nur - wenn wir zusammenhalten und die UZ erhalten - junge Leute für uns interessieren - wenn wir wieder mehr ins Tagesgeschehen eingreifen - werden wir eine Zukunft haben.

Nur - wenn wir unsere Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen nicht verlieren, wenn wir sie weitergeben - werden wir eine Zukunft haben.

Nur - wenn wir eine offene kommunistische Partei sind, die weiß - das ihr viele Antworten fehlen - und die sich hütet zu glauben - sie hätte allein die Weisheit mit dem Löffel gefressen - werden wir eine Zukunft haben.

Nur - wenn wir zu anderen Linken und zur PDS ein freundliches, solidarisches Verhältnis entwickeln - das alle Optionen für die Zukunft offen hält - werden wir eine Zukunft haben.

Unsere persönlichen Wünsche, nach einer starken kommunistischen Partei, ist das eine. Die Wege dorthin sind heute für mich heute schwer erkennbar. Das ändert nichts an der Notwendigkeit, diese Wege zu finden.

Ich weiß, daß sich viele Kommunistinnen und Kommunisten Fragen nach der Zukunft unserer Partei stellen. Wir brauchen solche Fragen. Wir brauchen Fragen und Zweifel aber kein Verzweifeltsein. Ausgehend von der Realität müssen wir handeln.

Wir sollten ehrlich sein - 10 Jahre nach dem Zusammenbruch - wissen die meisten Menschen in unserem Land nicht mehr, daß es die DKP gibt.

 

Wie soll sich das ändern?

Es kann sich nur ändern indem wir wieder bekannt werden. Das heißt für mich - wir müssen - wo wir auch leben - unsere Meinung sagen. Wenn wir keine Ortszeitung schaffen - dann aber doch ein Flugblatt - wenn wir das nicht schaffen - dann aber doch eine Presseerklärung - oder ein Leserbrief.

Wenn einer noch ein anderes Rezept hat - soll er es sagen.

Die Niederlage der Kommunisten fast am Ende dieses Jahrhunderts hat uns ins Mark getroffen und wird noch lange, lange nachwirken.

Diese Niederlage muß für uns Anlaß sein daraus zu lernen. Wir dürfen nicht aufhören nachzudenken und aufzuarbeiten. Wir brauchen unsere Klassiker als Ratgeber und müssen offen für neue Gedanken sein, weil die Welt sich rasant entwickelt hat. Wir dürfen - liebe Genossinnen und Genossen - vor allem nicht nachlassen beim politischen Eingreifen.

Wir sind eine kleine Partei geworden. Aber es gibt auch die PDS und die sitzt in Fraktionsstärke im Bundestag. Wir sollten uns alle darüber freuen, denn unsere Partei hat mit dazu beigetragen, daß die PDS die 5%-Grenze überwinden konnte.

 

Liebe Genossinnen, liebe Genossen!

Wir brauchen Mut, Realismus, Nachdenklichkeit, Solidarität.

 

Bertolt Brecht schrieb folgende Zeilen:

Du sagst: Es steht schlecht um unsere Sache - Die Finsternis nimmt zu, die Kräfte nehmen ab.

Jetzt, nachdem wir so viele Jahre gearbeitet haben, sind wir in schwierigerer Lage als am Anfang.

Der Feind aber steht stärker da, denn jemals.

Seine Kräfte scheinen gewachsen.

Er hat ein unbesiegbares Aussehen angenommen.

Wir aber haben Fehler gemacht, es ist nicht zu leugnen.

Unsere Zahl schwindet hin.

Unsere Parolen sind in Unordnung.

Einen Teil unserer Wörter hat der Feind verdreht, bis zur Unkenntlichkeit.

Was ist jetzt falsch von dem, was wir gesagt haben?, einiges oder alles?

Auf wen rechnen wir noch?

Sind wir Übriggebliebene herausgeschleudert aus dem lebendigen Fluß?

Werden wir zurückbleiben, keinen mehr verstehend und von keinem verstanden?

Müssen wir Glück haben?, so fragst du.

Erwarte keine andere Antwort als die deine.

Für eine Deutsche Kommunistische Partei - die frei von Dogmatismus wieder Kraft entwickelt - und die eine anzustrebende sozialistische Zukunft mit dem Tageskampf verbindet - gibt es in diesem Land mehr zu tun als zuvor.

Wenn wir so herangehen, wenn wir den Kopf heben, daß wir gesehen werden - dann kann der 30. Geburtstag unserer Partei zu einem guten Anschub in die richtige Richtung werden.


http://www.dkp-hessen.de/
• Autor: DKP Hessen •



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